Das Abc des Nachbarn Andres

neues-deutschland.de / 23.12.2006 / Rosemarie Schuder

Karlstadt – ein Theologe und aufrührerischer Geist, der zu Weihnachten Anno Domini 1541 starb

Der Feiertag für Christi Geburt wurde zum Todestag für den unbeugsamen Reformator Andreas Bodenstein alias Karlstadt. Am 24. Dezember 1541 endete sein Lebensweg in Basel. Er hatte als Professor der Theologie an der Universität in Wittenberg gelehrt, einer seiner Studenten war Martin Luther, den er 1512 zum Doktor der Theologie promovierte. Nur dreizehn Jahre später verwies ihn der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Weise, als gefährlichen »aufrührerischen Geist« aus seinem Land. Sein ehemaliger Schüler Luther gab den Ratschlag, ihm »ewigliches Schweigen« zu gebieten. Nach Jahren der Flucht fand Karlstadt Aufnahme an der Basler Universität und der Kirche St. Peter. Hier konnte er wieder seine Gedanken verkünden, die weit über Glaubensfragen hinaus die brennenden sozialen Probleme der Zeit aufgriffen.

152 Thesen deftiger Kritik

1517 waren beide, der etwa 37-jährige Karlstadt und der drei Jahre jüngere Luther, gemeinsam in das Blickfeld weltlicher und geistlicher Überwacher geraten. Karlstadt gehörte in seiner Eigenschaft als Archidiakon am Allerheiligenstift und als Bevollmächtigter des Bischofs für die Armenfürsorge und für die Beaufsichtigung des niederen Klerus zu den gut besoldeten Geistlichen. Aber immer mehr erkannte er das Missverhältnis der prunkvollen kirchlichen Rituale zum Alltag vor allem der Besitzlosen. Am 26. April 1517 veröffentliche Karlstadt in 152 Thesen seine Kritik an der Autorität der römischen Kirche, er beanstandete den Missbrauch mit der Beichte und dem Ablass. Ein halbes Jahr später, am 31. Oktober, folgte Luther und schlug seine 95 Reformationsthesen an die Türen der Schlosskirche. Der papsttreue Theologe Johannes Eck fühlte sich berufen, Karlstadt und Luther zu zwingen, in einer öffentlichen Disputation in Leipzig ihre Irrtümer zu bekennen. Hatte doch Papst Leo X. ausdrücklich festgestellt, wie sehr er bedaure, dass solche ketzerischen Lehren ausgerechnet in der »erlauchten deutschen Nation« verbreitet werden konnten.

Kurfürst Friedrich, besorgt, vor Kaiser und Papst als Schirmherr von Ketzern zu gelten, schickte den in geistlichen und weltlichen Rechtsfragen erfahrenen Dr. Hans von der Planitz als Beobachter nach Leipzig. Die Aussagen der beiden Vertreter der »neuen Lehre« bei der Wortschlacht vom 27. Juni bis 16. Juli 1519 veranlassten Planitz, den Kurfürsten von übereilten Maßnahmen abzuraten. Der Papst müsse beruhigt werden, es handele sich bei den Beschuldigten lediglich um Ungehorsam gegen die Kirche, nicht um Ketzerei. Der Theologe Eck hingegen beschwor den Papst, den Bann gegen Karlstadt und Luther zu verkünden. Nach Luthers Auftreten beim Reichstag in Worms sorgte jedoch die schützende Hand des Landesherrn für die Wandlung des Reformators zum »Junker Jörg« auf der Wartburg. In dieser Zeit hielt sich Karlstadt in Dänemark auf, dort wünschte der König seinen Rat bei der Regelung von Kirchenangelegenheiten. Zurückgekehrt nach Wittenberg begann er die auch von Luther angestrebten Neuerungen einzuführen: Abschaffung der Beichte, Freiheit der Predigt, wer das Kloster verlassen wollte, könnte gehen. Um nicht in den Sog der sogenannten Bilderstürmer zu geraten, die aus Zwickau in die Stadt gekommen waren, verlangte er ein geordnetes Entfernen der Heiligenbilder.

Weihnachten 1521 brach er beim Abendmahl das Dogma von der Realpräsenz Christi in Brot und Wein, er reichte beides den Laien nur als ein Symbol der Erinnerung. Ein Sakrileg. Am 19. Januar 1522 überschritt er auch das Verbot der Priesterehe, er feierte seine Hochzeit mit Anna von Mochau. Jetzt führte er im Einvernehmen mit dem Rat der Stadt Wittenberg »Die neue Ordnung« im sozialen Bereich ein. Zur Armenpflege wurde eine allgemeine Kasse eingerichtet. Niemand sollte als Bettler auf die Straße gehen müssen. Die Bordelle wurden geschlossen. Anfangs begrüßte der Kurfürst diese Entwicklung und beauftragte eine Kommission zu überprüfen, ob Karlstadts Neuerungen auch für andere Städte geeignet sein könnten. Warnend hieß es jedoch: Ohne die althergebrachten Autoritäten gerieten die Leute auf »sittliche Abwege«. Auch würden sie verdorben durch das schlechte Beispiel der entlaufenen Mönche und Nonnen.

Karlstadt verzichtete derweil auf prächtige Amtstracht und Doktortitel, bäuerlich gekleidet versah er als Prediger den Kirchendienst. Von nun an wollte er als »Nachbar Andres« wie ein Bauer sein Brot mit eigener Hände Arbeit verdienen. Friedrich der Weise geriet über die begeisterte Zustimmung vieler Untertanen zu den Neuerungen in solche Sorge, dass er einen verschlüsselten Hilferuf zur Wartburg schicken ließ. Der Erwünschte kam. Acht Tage lang, ab dem 9. März 1522, dem ersten Fastensonntag, hielt Luther in der Pfarrkirche Predigten gegen den bösen Geist, der »die rohen Leute, Herrn Omnes«, Jedermann, aufgehetzt habe: »Darum habt ihr Unrecht getan, dass ihr ein solches Spiel ohne mein Geheiß und Zutun angefangen habt und mich nicht zuvor auch darum gefragt.« Er nannte keine Namen, sprach nur vom Satan als Irrlehrer und erklärte in seiner ersten Predigt: »Ich aber will dem Teufel wohl eine Spritze vor die Nase halten, dass ihm auch die weite Welt zu enge wird.«

In aller Strenge wurde die alte Ordnung wieder eingeführt. Karlstadt musste die Stadt verlassen. Er ging nach Orlamünde bei Jena, zur Pfarrei, die zum Wittenberger Allerheiligenstift gehörte. Die leibeigenen Bauern in der Gemeinde, die doppelt zu leiden hatten an Abgaben für die Kirche und die Feudalherren, verstanden »Bruder Andres«, der bei ihnen nichts anderes sein wollte als der »neue Laie ABC« (Andreas Bodenstein Carolstat). Er hielt an den in Wittenberg begonnenen Neuerungen fest, schaffte die Kindertaufe ab, Kirchenlieder wurden in deutscher Sprache gesungen. Seine Schrift »Von dem Sabbat und den gebotenen Feiertagen«, in der er die Grundeigentümer als gottlose Tyrannen bezeichnete, die ihre Untertanen, auch Kinder, zu Frondiensten am Sonntag zwingen, gab den Feudalherren willkommenen Anlass, sich beim Kurfürsten zu beschweren. Dazu kam der Verdacht, Karlstadt und Bauernführer Thomas Müntzer wollten gemeinsame Sache machen. Obwohl Karlstadt diese Unterstellung von sich wies, erhielt er im Mai 1524 die Weisung, sich in Wittenberg zu verantworten. Ein Hochwasser bei Borna zwang ihn zur Rückkehr. Aber Karlstadt sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Die Bauernfrage ängstigte den Kurfürsten, er schickte Luther als Visitator nach Orlamünde. Vielleicht glaubte der Kontrolleur wirklich an ein Zusammengehen von Karlstadt mit Müntzer und den »räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern«. Sicher aber hatte er nicht mit einem so unfreundlichen Empfang durch die Einwohner gerechnet. Noch heute erzählt man dort, die Leute, die ihrem »Nachbar Andres« die Treue hielten, hätten Luther, als er Karlstadts Lehren verurteilte, »über den Misthaufen davongejagt«. Der letzte öffentliche Disput zwischen Luther und Karlstadt in Jena im »Schwarzen Bären« am 22. August 1524, der unversöhnlich endete, konnte längst nicht mehr als nur ein Zweikampf zwischen Geistlichen angesehen werden. Für die Aristokratie ging es jetzt um den Erhalt ihrer Herrschaft. Wie der Kurfürst vor aller Welt seine Macht zeigen und gleichzeitig an für ihn harmlosen oder gar günstigen Aspekten der Reformen festhalten konnte, wusste sein außen-und innenpolitisch versierter Berater Planitz: Luther schützen. Karlstadt aus Sachsen verbannen. Nach mühsamen Fluchtwegen mit Frau und Kindern und Versuchen einer Heimkehr fand Karlstadt im Zürich des Reformators Zwingli Aufnahme. Dort gab ihm die Arbeit als Korrektor in Froschauers Druckerei Einblicke in die Geheimnisse der Buchwelt: Manch ein Verfasser versuchte, durch schmeichelhafte Zueignungen an geistliche und weltliche Fürsten Geldgeber und Positionen zu gewinnen. Seit 1534 unterrichtete er als Professor für das Alte Testament an der Universität der Stadt Basel, wo fünf Jahre zuvor unter Oecolampad die Reformation eingeführt worden war. Bereits während der sieben Jahre, die Karlstadt hier als Lehrer und Prediger vergönnt waren, traten im fernen Sachsen die »Gedächtnisinstanzen« auf den Plan und bestimmten das Umgehen mit seinem Charakterbild. Für die Zeitgenossen musste der »Erlebnishorizont« umgebaut werden; ein noch heute üblicher Mechanismus wurde in Gang gesetzt. Zu viele hatten Karlstadt erlebt mit seinem warnenden Hinweis aus dem Evangelium des Matthäus auf falsche Propheten: »An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.«

An Grundfesten gerührt

Die »Erlebnisgeneration« und die Nachfolgenden sollten Karlstadts reformatorisches Wirken als verächtlich empfinden. Schon bei der Leipziger Disputation sei er ohne Luther hilflos gewesen. Sein Aussehen wurde als klein und dunkelhäutig beschrieben. Da Karlstadt sich bei der Ablehnung der Bilderverehrung auf das Alte Testament bezogen hatte, hieß es, er habe seine Argumente wie ein Jude vorgebracht. Im Laufe der Zeit, als zur »nationalen Identität« der »Einklang mit der christlich-abendländischen Tradition« gefordert wurde, war es schließlich geboten, den Reformator, der an die Grundfesten der feudalen Ordnung gerührt hatte, aus der »Erinnerungskultur« auszulöschen. Wenn Karlstadt dennoch zufällig in Nachschlagewerken erwähnt wurde, war die Genugtuung über seinen Tod nicht zu verkennen: Die Pest habe ihn geholt. Aber vielleicht hat er an seinem Lebensende noch das Läuten der Weihnachtsglocken gehört.

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